Die Digitalisierung der Arztpraxis ist längst keine Zukunftsmusik mehr. Mit ePA, E-Rezept und Telematikinfrastruktur hat der Gesetzgeber klare Fakten geschaffen. Aber auch abseits der Pflichten bietet moderne Praxissoftware enorme Vorteile: weniger Verwaltungsaufwand, zufriedenere Patienten und entlastete MFA.
Die Auswahl ist groß – von den etablierten PVS-Anbietern bis zu innovativen Startups. In diesem Artikel zeigen wir dir, welche Software-Kategorien es gibt, was die wichtigsten Anbieter können und worauf du bei der Auswahl achten solltest.
Die Software-Landschaft für Arztpraxen
Die Digitalisierung einer Arztpraxis besteht aus mehreren Bausteinen:
Pflicht-Komponenten:
- Praxisverwaltungssystem (PVS): Kern der Praxis, Patientendaten, Abrechnung
- Telematikinfrastruktur (TI): Anbindung an das Gesundheitsnetzwerk
- Konnektoren: Hardware für ePA, eAU, E-Rezept
Optionale Erweiterungen:
- Online-Terminbuchung: Patienten buchen selbst
- Patientenportal: Digitale Kommunikation
- Digitaler Patientenaufruf: Wartezimmer-Management
- Telemedizin: Videosprechstunden
- Dokumentenmanagement: Papierlose Praxis
Die Realität: Die meisten Praxen haben ein PVS und ergänzen nach Bedarf. Eine Komplett-Lösung gibt es selten.
Praxisverwaltungssysteme (PVS) im Überblick
Das PVS ist das Herzstück jeder Praxis. Hier die wichtigsten Anbieter:
| System | Typ | Marktanteil | Besonders geeignet für |
|--------|-----|-------------|------------------------|
| CGM Medistar | Lokal/Cloud | ~25% | Allgemeinmedizin |
| CGM M1 Pro | Cloud | wachsend | Moderne Praxen |
| Medatixx | Lokal | ~20% | Allgemeinmedizin, Fachärzte |
| Turbomed | Lokal | ~15% | Hausarztpraxen |
| Quincy | Lokal | ~8% | Hausärzte |
| Tomedo | Mac | ~5% | Apple-Nutzer |
| Samedi | Cloud | wachsend | Innovative Praxen |
| RED Medical | Cloud | wachsend | Neugründungen |
Wichtig: Ein PVS-Wechsel ist aufwändig und teuer. Die Entscheidung sollte gut überlegt sein.
Die wichtigsten PVS-Anbieter im Detail
Ein genauerer Blick auf die Marktführer:
CGM Medistar / M1 Pro
Marktführer im deutschsprachigen Raum
CompuGroup Medical (CGM) ist der größte Anbieter mit verschiedenen Produktlinien.
Medistar (klassisch):
- Etabliertes System, viele Installationen
- Umfangreiche Funktionen
- Gute Abrechnungsunterstützung
- Lokale Installation
M1 Pro (modern):
- Cloud-basiert
- Moderne Oberfläche
- Flexibler Zugriff
- Regelmäßige Updates
Kosten: Ca. 200-400€/Monat + Einrichtung
Vorteile: Marktführer, umfangreich, guter Support
Nachteile: Komplex, höhere Kosten, Abhängigkeit
Medatixx
Der starke Zweite
Medatixx (früher Teil von CGM) ist besonders bei Fachärzten beliebt.
Varianten:
- Medatixx: Für Hausärzte
- x.concept: Für Fachärzte
- x.vianova: Neue Cloud-Variante
Funktionen:
- Umfassende Patientenverwaltung
- Gute Facharzt-Anpassungen
- Abrechnungsmodul
- Labor-Anbindung
Kosten: Ca. 150-350€/Monat + Einrichtung
Vorteile: Gute Facharzt-Lösungen, etabliert
Nachteile: Oberfläche wirkt älter, lokale Installation
Tomedo (für Mac)
Die Apple-Alternative
Tomedo ist das führende PVS für Mac-Nutzer.
Besonderheiten:
- Native Mac-Anwendung
- Moderne, intuitive Oberfläche
- iPad-Integration
- Cloud-Synchronisation
Funktionen:
- Vollständiges PVS
- Integrierte Videosprechstunde
- Dokumentenmanagement
- Wartezimmer-Aufruf
Kosten: Ab ca. 200€/Monat
Vorteile: Beste Mac-Integration, modern, intuitiv
Nachteile: Nur für Apple, kleineres Ökosystem
Cloud-Alternativen: Samedi, RED Medical
Die neuen Herausforderer
Für Praxen, die von Anfang an cloud-basiert arbeiten wollen.
Samedi:
- Starker Fokus auf Online-Terminbuchung
- Gute Patientenkommunikation
- Modernste Oberfläche
- Wächst schnell
RED Medical:
- Konsequent cloud-basiert
- Einfache Einrichtung
- Faire Preise
- Für Neugründungen interessant
Kosten: Ab ca. 100-250€/Monat
Vorteile: Modern, flexibel, niedrigere Einstiegskosten
Nachteile: Weniger Funktionsumfang, junge Anbieter
Ergänzende Software für die Arztpraxis
Über das PVS hinaus gibt es spezialisierte Lösungen:
Online-Terminbuchung
Warum wichtig: Patienten wollen Termine online buchen, nicht telefonieren.
Optionen:
- Doctolib (ab 129€/Monat) – Marktführer, viele Patienten
- Samedi – In PVS integrierbar
- Dr. Flex – Einfach und günstig
- Doctena – Europäischer Anbieter
Vorteile:
- Buchungen 24/7
- Weniger Telefonzeit
- Automatische Erinnerungen
- Weniger No-Shows
ROI: 5-10 Stunden/Woche Zeitersparnis für MFA
Patientenkommunikation
Warum wichtig: Sichere, digitale Kommunikation mit Patienten.
Funktionen:
- Sichere Nachrichten
- Befundübermittlung
- Rezeptanfragen
- Terminbstätigungen
Anbieter:
- medflex – DSGVO-konform, einfach
- Patientus – Teil von CGM
- Arzt-Direkt – Viele Funktionen
Vorteil: Weniger Telefonate, dokumentierte Kommunikation
Digitaler Patientenaufruf
Warum wichtig: Modernes Wartezimmer-Management.
Funktionen:
- Digitale Wartemarken
- Aufruf über Display
- Wartezeiteninfo für Patienten
- Check-in am Terminal
Anbieter:
- idana – Auch mit Anamnese
- Eigenentwicklung im PVS
- Tabletbasierte Lösungen
Vorteil: Professioneller Eindruck, keine Namensnennung
Videosprechstunde / Telemedizin
Warum wichtig: Seit Corona Standard, von Patienten erwartet.
Anforderungen:
- DSGVO-konform
- KBV-zertifiziert
- Abrechnungsfähig
- Einfach für Patienten
Anbieter:
- Doctolib (integriert)
- TeleClinic (mit eigenem Patientenstamm)
- CGM Clickdoc
- arztkonsultation.de
Kosten: Ab ca. 50-150€/Monat
Vergütung: Regelversorgung, bis zu 30% der Fälle erstattungsfähig
Digitale Anamnese
Warum wichtig: Patienten füllen Fragebögen vorab digital aus.
Vorteile:
- Zeitsparend für MFA und Arzt
- Keine Übertragungsfehler
- Automatische Übernahme ins PVS
- Patient hat Zeit zum Nachdenken
Anbieter:
- idana – Umfangreich, anpassbar
- Nelly – Modern, einfach
- im PVS integriert (einige Anbieter)
Zeitersparnis: 5-15 Minuten pro Patient
Die digitale Arztpraxis: So geht Digitalisierung richtig
Schritt für Schritt zur digitalen Praxis:
Phase 1: Basis sichern
Fokus: PVS und TI funktionieren
- PVS aktuell halten
- Updates einspielen
- Alle Pflichtfunktionen nutzen (eAU, eRezept, ePA)
- Mitarbeiter schulen
- TI stabil betreiben
- Regelmäßige Wartung
- Backup-Lösung für Ausfälle
- Notfallprozesse definieren
- Grundlegende Digitalisierung
- Digitale Dokumente statt Papier
- E-Mail-Kommunikation intern
- Basis-Website mit Kontaktdaten
Investition: Meist nur Zeit, wenig zusätzliche Kosten
Phase 2: Patientenservice verbessern
Fokus: Bessere Erreichbarkeit, weniger Wartezeit
- Online-Terminbuchung
- System auswählen und einrichten
- Mit Website verknüpfen
- Team einweisen
- Automatische Erinnerungen
- SMS oder E-Mail vor Terminen
- Reduziert No-Shows um 25-40%
- Digitale Wartezimmer-Info
- Aktuelle Wartezeit kommunizieren
- Patienten können später kommen
Investition: 100-300€/Monat, schneller ROI
Phase 3: Prozesse optimieren
Fokus: Interne Abläufe effizienter gestalten
- Digitale Anamnese
- Patienten füllen vorab aus
- Automatische Übernahme ins PVS
- Mehr Zeit fürs Wesentliche
- Aufgabenmanagement
- Digitale To-Do-Listen
- Zuständigkeiten klar
- Nichts vergessen
- Dokumentenmanagement
- Papierlose Ablage
- Schnelles Finden
- Sichere Archivierung
Investition: Variabel, oft im PVS integrierbar
Phase 4: Zukunftssicher werden
Fokus: Innovative Versorgungsformen
- Telemedizin etablieren
- Videosprechstunde routiniert anbieten
- Für geeignete Fälle aktiv empfehlen
- Abrechnung optimieren
- Patientenportal
- Befunde digital bereitstellen
- Sichere Kommunikation
- Rezeptanfragen digital
- Datenanalyse
- Praxisauslastung optimieren
- Engpässe erkennen
- Qualität messen
Investition: Abhängig von Umfang und Anbieter
Kosten der Praxis-Digitalisierung
Was kostet die Digitalisierung einer Arztpraxis?
Einmalige Kosten:
| Position | Kosten |
|----------|--------|
| PVS-Wechsel (Migration) | 5.000-15.000€ |
| TI-Hardware | 2.000-5.000€ |
| Tablets/Hardware | 500-2.000€ |
| Schulungen | 500-2.000€ |
| Gesamt einmalig | 8.000-24.000€ |
Laufende Kosten (monatlich):
| Position | Kosten |
|----------|--------|
| PVS | 150-400€ |
| TI-Betrieb | 50-150€ |
| Online-Terminbuchung | 50-150€ |
| Videosprechstunde | 50-100€ |
| Weitere Module | 50-200€ |
| Gesamt monatlich | 350-1.000€ |
Förderungen:
- TI-Pauschale der KBV
- Digitalisierungsförderung der Länder
- KfW-Kredite für Digitalisierung
Die MFA entlasten: Digitalisierung in der Praxis
Digitalisierung sollte vor allem eines: Das Team entlasten.
Wo Digitalisierung am meisten hilft:
| Aufgabe | Analog | Digital | Ersparnis |
|---------|--------|---------|-----------|
| Terminvergabe | 5 Min/Termin | 0 Min (automatisch) | 2-3 Std/Tag |
| Anamnese | 10 Min/Patient | 2 Min (Kontrolle) | 30-60 Min/Tag |
| Rezeptanfragen | Telefon, Fax | Online-Portal | 1-2 Std/Tag |
| Befundmitteilung | Post, Telefon | Portal, App | 30-60 Min/Tag |
| Patientenaufruf | Rufen, Suchen | Display | 15-30 Min/Tag |
Gesamtersparnis: 4-7 Stunden pro Tag – das ist fast eine volle Stelle!
Wichtig: Digitalisierung funktioniert nur, wenn das Team mitgenommen wird. Schulung und Einarbeitung sind entscheidend.
Worauf achten bei der Software-Auswahl?
Checkliste für die Entscheidung:
Technische Kriterien
- TI-Kompatibilität: Funktioniert alles mit der Telematikinfrastruktur?
- Schnittstellen: Lässt sich die Software mit anderen Systemen verbinden?
- Updates: Wie regelmäßig werden Updates geliefert?
- Cloud vs. Lokal: Was passt besser zu deiner Praxis?
- Mobile Nutzung: Gibt es Apps für Tablet/Smartphone?
Praktische Kriterien
- Benutzerfreundlichkeit: Kommt das Team damit zurecht?
- Support: Wie gut ist der Kundenservice? Reaktionszeiten?
- Schulung: Welche Trainings werden angeboten?
- Referenzen: Was sagen andere Praxen?
- Testmöglichkeit: Kann man die Software vorab testen?
Wirtschaftliche Kriterien
- Gesamtkosten: Einmalig + laufend, inklusive versteckter Kosten
- Vertragslaufzeit: Wie lange bindet man sich?
- Skalierbarkeit: Was passiert bei Praxiswachstum?
- Exit-Strategie: Wie kommt man wieder raus? Datenexport?
Häufige Fehler bei der Praxis-Digitalisierung
Diese Fehler solltest du vermeiden:
Fehler 1: Zu viel auf einmal
Das Problem: Alles gleichzeitig einführen wollen.
Die Folge: Überforderung, Chaos, Frust.
Die Lösung: Schrittweise vorgehen. Ein System nach dem anderen.
Fehler 2: Das Team nicht einbeziehen
Das Problem: Der Chef entscheidet, die MFA müssen umsetzen.
Die Folge: Widerstand, Workarounds, Software wird nicht genutzt.
Die Lösung: Team früh einbinden, Bedenken ernst nehmen, ausreichend schulen.
Fehler 3: Nur auf den Preis schauen
Das Problem: Das billigste System wählen.
Die Folge: Fehlende Funktionen, schlechter Support, teurer Wechsel später.
Die Lösung: Gesamtkosten betrachten, nicht nur den Monatspreis.
Fehler 4: Keine Strategie haben
Das Problem: Einzelne Tools einführen ohne Gesamtkonzept.
Die Folge: Insellösungen, die nicht zusammenarbeiten.
Die Lösung: Erst planen, dann umsetzen. Was soll in 3-5 Jahren erreicht sein?
Fazit: Die richtige Software für deine Praxis
Die Auswahl der richtigen Praxissoftware ist eine wichtige Entscheidung. Die gute Nachricht: Es gibt für jede Praxisgröße und jedes Budget passende Lösungen.
Zusammenfassung der Empfehlungen:
| Praxistyp | Empfehlung |
|-----------|------------|
| Neugründung | RED Medical oder Samedi (Cloud, modern, günstig) |
| Hausarztpraxis | CGM Medistar, Turbomed oder Medatixx |
| Facharztpraxis | Medatixx x.concept oder CGM-Facharztlösungen |
| Mac-Praxis | Tomedo |
| MVZ | CGM oder Medatixx mit MVZ-Modulen |
Die nächsten Schritte:
- Ist-Analyse: Was läuft gut, was nicht?
- Ziele definieren: Was soll besser werden?
- Anbieter vergleichen: 2-3 Demos anfordern
- Referenzen einholen: Mit anderen Praxen sprechen
- Pilotphase: Wenn möglich, erstmal testen
- Schrittweise einführen: Nicht alles auf einmal
Fazit
Die Digitalisierung der Arztpraxis ist keine einmalige Aufgabe, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Das Wichtigste ist, anzufangen – und zwar dort, wo der größte Nutzen entsteht.
Die wichtigsten Erkenntnisse:
- Das PVS ist die Basis – hier sollte alles stimmen, bevor du erweiterst
- Online-Terminbuchung bringt den schnellsten ROI
- MFA-Entlastung ist das Hauptziel – darauf alle Maßnahmen ausrichten
- Schritt für Schritt statt Big Bang – so funktioniert Veränderung
- Team mitnehmen – Technik ohne Akzeptanz ist nutzlos
Der beste Zeitpunkt zum Starten ist jetzt. Die Pflichten (ePA, E-Rezept) kommen sowieso – warum nicht gleich die Chancen nutzen?