ROI & Methodik

Automatisierung starten: Die ersten 30 Tage

Ihr Praxis-Fahrplan für den Einstieg in die Prozessautomatisierung. Woche für Woche erklärt – von der Analyse bis zur ersten laufenden Automatisierung.

12 Min. Lesezeit·Aktualisiert: 29.1.2025

Sie haben beschlossen, mit Automatisierung zu starten – aber wo anfangen? Die Auswahl an Tools ist riesig, die Möglichkeiten scheinen endlos, und die Angst, Zeit in das falsche Projekt zu investieren, ist real.

Dieser 30-Tage-Fahrplan nimmt Ihnen diese Last ab. Er führt Sie Woche für Woche durch den Prozess – von der ersten Analyse bis zu Ihrer ersten produktiv laufenden Automatisierung.

Das Ziel: Nach 30 Tagen haben Sie einen Prozess vollständig automatisiert, der Ihnen messbar Zeit spart – und das Wissen, wie Sie weitere Prozesse angehen.

Woche 1: Analyse & Auswahl (Tag 1-7)

Die erste Woche dreht sich um eine Frage: Welchen Prozess automatisieren wir zuerst?

Die richtige Wahl ist entscheidend. Ein zu komplexes erstes Projekt frustriert. Ein zu simples liefert keinen überzeugenden Erfolg.

Tag 1-2: Prozess-Inventur

Erstellen Sie eine Liste aller wiederkehrenden Aufgaben in Ihrem Unternehmen:

Fragen Sie sich und Ihr Team:

  • Welche Aufgaben machen wir täglich/wöchentlich immer gleich?
  • Wo tippen wir Daten von einem System ins andere?
  • Welche E-Mails schreiben wir immer wieder fast identisch?
  • Wo entstehen regelmäßig Fehler durch manuelle Arbeit?

Typische Kandidaten:

  • Angebotserstellung aus Anfragen
  • Rechnungsversand nach Leistungserbringung
  • Terminbestätigungen und -erinnerungen
  • Dateneingabe in mehrere Systeme
  • Regelmäßige Berichte zusammenstellen
  • Kundennachfragen nach Status

Ziel: Eine Liste mit 10-20 Prozessen.

Tag 3-4: Prozesse bewerten

Bewerten Sie jeden Prozess nach drei Kriterien (je 1-5 Punkte):

1. Zeitaufwand (wie viel Zeit kostet der Prozess?)

  • 1 = unter 30 Min/Woche
  • 3 = 1-3 Stunden/Woche
  • 5 = über 5 Stunden/Woche

2. Komplexität (wie schwierig ist die Automatisierung?)

  • 1 = sehr komplex, viele Ausnahmen
  • 3 = überschaubar, einige Regeln
  • 5 = einfach, klare Wenn-Dann-Logik

3. Auswirkung (was passiert bei Fehlern?)

  • 1 = kritisch (Geldverlust, Kundenärger)
  • 3 = ärgerlich (Nacharbeit nötig)
  • 5 = harmlos (leicht korrigierbar)

Berechnung: Zeitaufwand × Komplexität × Auswirkung = Prioritätsscore

Je höher der Score, desto besser als erstes Projekt geeignet.

Tag 5-7: Prozess dokumentieren

Dokumentieren Sie den ausgewählten Prozess im Detail:

1. Trigger: Was löst den Prozess aus?

  • Neue E-Mail mit Anfrage?
  • Kalendertermin?
  • Formular-Eingabe?
  • Zeitpunkt (täglich um 9 Uhr)?

2. Schritte: Was passiert der Reihe nach?

Schreiben Sie jeden einzelnen Klick auf.

3. Entscheidungen: Wo gibt es Wenn-Dann-Logik?

  • Wenn Auftragswert über 5.000€ → Freigabe nötig
  • Wenn Bestandskunde → anderen Rabatt

4. Output: Was ist das Ergebnis?

  • E-Mail versendet?
  • Dokument erstellt?
  • Daten in System eingetragen?

Tipp: Führen Sie den Prozess einmal durch und nehmen Sie Ihren Bildschirm auf. Das hilft bei der Dokumentation enorm.

Woche 2: Tool-Setup & Design (Tag 8-14)

Mit dem dokumentierten Prozess geht es an die technische Vorbereitung.

Tag 8-9: Tool auswählen

Für den Einstieg empfehlen wir eines dieser No-Code-Tools:

Make (ehemals Integromat)

  • Beste Wahl für Einsteiger
  • Visuelle Workflow-Erstellung
  • Günstig: Kostenlos bis 1.000 Operationen/Monat
  • Sehr viele Integrationen

Zapier

  • Einfachste Bedienung
  • Am meisten verbreitet
  • Teurer als Make
  • Gut für simple Wenn-Dann-Abläufe

n8n

  • Open Source, selbst hostbar
  • Technischer, aber flexibler
  • Gut wenn Datenschutz kritisch ist

Für Ihr erstes Projekt: Starten Sie mit Make. Es bietet die beste Balance aus Einfachheit und Mächtigkeit.

Tag 10-11: Accounts & Integrationen

Erstellen Sie die nötigen Accounts:

  1. Account beim Automatisierungstool (Make, Zapier, etc.)
  2. API-Zugänge für Ihre bestehenden Systeme:

- E-Mail (Gmail, Outlook, IMAP)

- CRM (wenn vorhanden)

- Buchhaltung (Lexoffice, sevDesk, etc.)

- Kalender

- Cloud-Speicher (Google Drive, Dropbox)

Verbindungen testen:

  • Jede Integration einzeln verbinden
  • Testdaten abrufen
  • Sicherstellen, dass Lese- und Schreibzugriff funktioniert

Häufige Stolperfallen:

  • Zwei-Faktor-Authentifizierung blockiert API-Zugang
  • Berechtigungen zu restriktiv
  • Veraltete Passwörter in geteilten Accounts

Tag 12-14: Workflow designen

Jetzt bauen Sie den Workflow visuell auf:

1. Trigger einrichten

Beginnen Sie mit dem auslösenden Ereignis (neue E-Mail, neuer Datensatz, etc.)

2. Schritte hinzufügen

Fügen Sie jeden Schritt aus Ihrer Dokumentation als Modul hinzu.

3. Daten mappen

Verbinden Sie die Datenfelder zwischen den Schritten:

  • E-Mail-Betreff → Angebotstitel
  • Absender-Name → Kundenname
  • usw.

4. Bedingungen einbauen

Wenn-Dann-Logik als Filter oder Router hinzufügen.

Noch nicht aktivieren! Der Workflow bleibt im Entwurfsmodus.

Woche 3: Testen & Optimieren (Tag 15-21)

Die wichtigste Woche: Hier trennt sich professionelle Automatisierung von Chaos.

Tag 15-16: Testfälle definieren

Bevor Sie testen, definieren Sie, WAS Sie testen:

Normalfall (Happy Path):

  • Standardprozess mit typischen Daten
  • Alles läuft wie erwartet

Grenzfälle:

  • Leere Felder
  • Sehr lange Texte
  • Sonderzeichen (ä, ö, ü, ß, €)
  • Ungewöhnliche Formatierung

Fehlerfälle:

  • Was wenn ein System nicht erreichbar ist?
  • Was wenn Daten fehlen?
  • Was wenn der Trigger doppelt ausgelöst wird?

Erstellen Sie für jeden Fall Testdaten.

Tag 17-18: Manuelles Testen

Schritt-für-Schritt-Test:

  1. Workflow im Testmodus starten
  2. Jeden Schritt einzeln durchlaufen lassen
  3. Output jedes Schritts prüfen:

- Sind die Daten korrekt?

- Ist die Formatierung richtig?

- Werden alle Felder übertragen?

Bei Fehlern:

  • Fehler dokumentieren (Screenshot!)
  • Ursache analysieren
  • Korrektur einbauen
  • Erneut testen

Tipp: Nutzen Sie eine separate Test-E-Mail-Adresse oder Test-Umgebung, damit keine echten Kunden betroffen sind.

Tag 19-21: Optimieren

Nach den ersten Tests: Feinschliff.

Performance optimieren:

  • Unnötige Schritte entfernen
  • Daten nur abrufen, wenn nötig
  • Wartezeiten einbauen (APIs haben Rate Limits)

Fehlerbehandlung einbauen:

  • Error-Handler für jeden kritischen Schritt
  • Benachrichtigung bei Fehlern (E-Mail an Sie)
  • Fallback-Logik wo sinnvoll

Dokumentation aktualisieren:

  • Finalen Workflow dokumentieren
  • Bekannte Einschränkungen notieren
  • Ansprechpartner für Probleme festlegen

Woche 4: Go-Live & Monitoring (Tag 22-30)

Der Moment der Wahrheit – und die wichtigste Phase für langfristigen Erfolg.

Tag 22-23: Soft Launch

Starten Sie nicht mit voller Last, sondern schrittweise:

Tag 22: Parallelbetrieb

  • Automatisierung aktivieren
  • Aber: Prozess weiterhin manuell durchführen
  • Ergebnisse vergleichen

Tag 23: Überwachter Echtbetrieb

  • Manuellen Prozess stoppen
  • Jedes Ergebnis der Automatisierung prüfen
  • Sofort eingreifen wenn nötig

Kriterien für vollständigen Go-Live:

  • 10+ erfolgreiche Durchläufe ohne Eingriff
  • Keine kritischen Fehler
  • Ergebnisse entsprechen Erwartungen

Tag 24-27: Monitoring einrichten

Automatische Überwachung:

  1. Erfolgs-Benachrichtigungen (optional)

- E-Mail nach jedem erfolgreichen Durchlauf

- Nach ein paar Tagen abschalten (wird zu viel)

  1. Fehler-Benachrichtigungen (kritisch!)

- Sofortige E-Mail bei jedem Fehler

- Nie abschalten!

  1. Tägliche Zusammenfassung

- Wie viele Durchläufe?

- Wie viele Fehler?

- Durchschnittliche Laufzeit?

Dashboard erstellen:

Die meisten Tools bieten eingebaute Statistiken. Richten Sie eine Ansicht ein, die Sie täglich prüfen (später wöchentlich).

Tag 28-30: Erfolg messen & dokumentieren

Vorher-Nachher-Vergleich:

Messen Sie konkret:

  • Zeitaufwand vorher: ___ Minuten pro Vorgang
  • Zeitaufwand nachher: ___ Minuten pro Vorgang
  • Gesparte Zeit pro Woche: ___ Stunden
  • Fehlerquote vorher: ___%
  • Fehlerquote nachher: ___%

ROI berechnen:

  • Gesparte Zeit × Stundensatz = Monatlicher Nutzen
  • Tool-Kosten + Einrichtungszeit = Investition
  • ROI = Nutzen / Kosten

Erfolg dokumentieren:

Erstellen Sie einen kurzen Bericht (eine Seite):

  • Was wurde automatisiert?
  • Wie viel Zeit wird gespart?
  • Was hat es gekostet?
  • Was sind die nächsten Schritte?

Dieser Bericht ist Gold wert für zukünftige Projekte und um Stakeholder zu überzeugen.

Die häufigsten Fehler in den ersten 30 Tagen

Vermeiden Sie diese typischen Stolperfallen:

Zu großes erstes Projekt

Fehler: "Wir automatisieren gleich den kompletten Angebotsprozess inklusive Nachverfolgung, Rechnungsstellung und Mahnwesen."

Besser: Nur den ersten Schritt automatisieren (z.B. Angebot aus Anfrage erstellen). Dann Schritt für Schritt erweitern.

Faustregel: Das erste Projekt sollte in 2 Wochen fertig sein können.

Keine Testphase

Fehler: "Funktioniert im ersten Test? Super, live schalten!"

Besser: Mindestens 10 verschiedene Szenarien testen. Besonders Grenzfälle und Fehler.

Warum: Der erste Fehler bei einem echten Kunden zerstört das Vertrauen ins System.

Kein Monitoring

Fehler: "Läuft ja jetzt, muss ich nicht mehr draufschauen."

Besser: Fehler-Benachrichtigungen einrichten und ernst nehmen.

Warum: Automatisierungen scheitern leise. Sie bemerken es erst, wenn ein Kunde sich beschwert.

Perfektionismus

Fehler: "Das muss erst perfekt sein, bevor wir live gehen."

Besser: 80% reicht für den Start. Die letzten 20% zeigen sich erst im Echtbetrieb.

Warum: Sie lernen mehr aus einer Woche Echtbetrieb als aus einem Monat Planung.

Checkliste: Sind Sie bereit für Tag 31?

Prüfen Sie vor dem Abschluss:

Technisch:

  • [ ] Workflow läuft fehlerfrei seit 5+ Tagen
  • [ ] Fehler-Benachrichtigungen sind eingerichtet
  • [ ] Zugangsdaten sind sicher dokumentiert
  • [ ] Backup-Plan existiert (manueller Fallback)

Organisatorisch:

  • [ ] Team weiß über die Automatisierung Bescheid
  • [ ] Verantwortlicher für Monitoring ist benannt
  • [ ] Prozessdokumentation ist aktuell

Erfolgsmessung:

  • [ ] Baseline-Daten (vorher) sind dokumentiert
  • [ ] Aktuelle Zahlen (nachher) sind gemessen
  • [ ] ROI ist berechnet

Nächste Schritte:

  • [ ] Liste mit 2-3 weiteren Automatisierungskandidaten
  • [ ] Priorisierung nach demselben Schema
  • [ ] Grober Zeitplan für nächstes Projekt

Was kommt nach den ersten 30 Tagen?

Die erste Automatisierung ist der Anfang, nicht das Ende:

Kurzfristig (Monat 2-3):

  • Erste Automatisierung beobachten und optimieren
  • Zweites Projekt nach demselben Schema starten
  • Team einbinden (Feedback sammeln)

Mittelfristig (Monat 4-6):

  • 3-5 Automatisierungen produktiv
  • Erste Automatisierungen erweitern
  • Synergien zwischen Workflows nutzen

Langfristig (ab Monat 7):

  • Automatisierung als Standard im Unternehmen
  • Mitarbeiter identifizieren selbst Kandidaten
  • Komplexere Szenarien (KI-Unterstützung, etc.)

Der Schneeballeffekt:

Jede erfolgreiche Automatisierung:

  • Spart Zeit für weitere Projekte
  • Überzeugt Skeptiker im Team
  • Zeigt neue Möglichkeiten auf

Fazit

Die ersten 30 Tage sind die wichtigsten auf Ihrem Weg zur Automatisierung. Mit diesem Fahrplan haben Sie eine klare Struktur – von der Analyse über die Implementierung bis zum Monitoring.

Die wichtigsten Erfolgsfaktoren:

  1. Klein anfangen – ein überschaubarer Prozess
  2. Gründlich testen – bevor echte Kunden betroffen sind
  3. Monitoring einrichten – damit Fehler nicht unbemerkt bleiben
  4. Erfolg messen – um den Wert zu beweisen

Ihr nächster Schritt: Starten Sie heute mit Tag 1. Nehmen Sie sich 30 Minuten und erstellen Sie Ihre Prozess-Inventur. Der Rest folgt Schritt für Schritt.

In 30 Tagen werden Sie sich fragen, warum Sie nicht früher angefangen haben.

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