Branchen-Ratgeber

Von 60 auf 40 Stunden: Wie ein Steuerberater seine Arbeitswoche revolutionierte

Eine detaillierte Fallstudie: Wie eine kleine Steuerkanzlei durch gezielte Automatisierung 20 Stunden pro Woche zurückgewann – ohne Qualitätsverlust.

12 Min. Lesezeit·Aktualisiert: 29.1.2025

"Ich habe Steuerberatung studiert, nicht E-Mail-Beantwortung."

Diese Aussage von Thomas K., Steuerberater mit eigener Kanzlei in einer mittelgroßen Stadt in Bayern, bringt das Problem vieler Freiberufler auf den Punkt. Seine Wochen sahen so aus: 60+ Stunden, davon gefühlt die Hälfte für administrative Tätigkeiten.

Das war vor 18 Monaten. Heute arbeitet Thomas 40-45 Stunden – bei gleichem Umsatz und zufriedeneren Mandanten. Diese Fallstudie zeigt, wie er das geschafft hat.

*Hinweis: Namen und einige Details wurden zum Schutz der Privatsphäre geändert. Die Zahlen und Methoden sind real.*

Die Ausgangssituation

Eine typische Steuerkanzlei, ein typisches Problem.

Die Kanzlei im Überblick

Team:

  • Thomas K. (Inhaber, Steuerberater)
  • 2 Steuerfachangestellte
  • 1 Auszubildende
  • 1 Teilzeit-Sekretärin

Mandanten:

  • ~180 aktive Mandanten
  • Mix aus Privatpersonen, Freiberuflern und kleinen GmbHs
  • Schwerpunkt: Einkommensteuererklärungen, Finanzbuchhaltung, Jahresabschlüsse

Umsatz: ~450.000€/Jahr

Der typische Tag (vorher)

Thomas' Arbeitstag – authentisch rekonstruiert:

7:00 - 8:00: E-Mails checken (40-60 neue Nachrichten)

8:00 - 8:30: Rückrufe von gestern abarbeiten

8:30 - 10:00: Mandantengespräch

10:00 - 10:30: E-Mails, Unterbrechungen

10:30 - 12:00: Jahresabschluss bearbeiten

12:00 - 12:30: Mittagspause (theoretisch)

12:30 - 13:00: Belege suchen, die ein Mandant nicht geliefert hat

13:00 - 15:00: Finanzbuchhaltung prüfen

15:00 - 15:30: Telefonat mit Finanzamt

15:30 - 17:00: Steuererklärungen

17:00 - 18:00: "Nur noch schnell" E-Mails

18:00 - 19:30: Administrative Aufgaben, Ablage

Wöchentlich: 55-65 Stunden

Samstag: "Nur ein paar Stunden" = 4-6 Stunden

Die größten Zeitfresser (analysiert)

Bevor etwas geändert wurde, haben wir eine Woche lang jede Tätigkeit erfasst:

| Tätigkeit | Stunden/Woche | % der Zeit |

|-----------|---------------|------------|

| Fachliche Arbeit (Steuern, Buchhaltung) | 22 | 37% |

| E-Mail-Kommunikation | 12 | 20% |

| Telefonate | 8 | 13% |

| Belegmanagement (Suchen, Nachfragen, Sortieren) | 7 | 12% |

| Termine koordinieren | 3 | 5% |

| Dokumenten-Ablage | 3 | 5% |

| Sonstiges (Meetings, Verwaltung) | 5 | 8% |

| Gesamt | 60 | 100% |

Die Erkenntnis: Nur 37% der Zeit ging in die eigentliche Steuerberatung. 63% waren "Drumherum".

Der Transformationsprozess

Die Veränderung passierte nicht über Nacht, sondern in fünf gezielten Schritten über 6 Monate.

Schritt 1: Mandantenportal einführen

Das Problem: Mandanten schickten Belege per E-Mail (unstrukturiert), Post (musste eingescannt werden) oder brachten sie persönlich vorbei (Zeitverlust).

Die Lösung: Ein digitales Mandantenportal mit:

  • Upload-Bereich für Belege (kategorisiert)
  • Automatische Benachrichtigung bei neuen Uploads
  • Direkte Weiterleitung an die richtige Akte

Implementierung:

  • Tool: Mandantenportal der Kanzlei-Software (DATEV Unternehmen online)
  • Einrichtung: 3 Tage für Setup und Konfiguration
  • Mandanten-Onboarding: 4 Wochen für die ersten 50 Mandanten

Ergebnis:

  • Vorher: 7h/Woche Belegmanagement
  • Nachher: 2h/Woche
  • Ersparnis: 5 Stunden/Woche

Zusatznutzen: Weniger Telefonanrufe ("Haben Sie meine Belege bekommen?"), bessere Belegqualität (keine zerknitterten Papierbelege mehr).

Schritt 2: E-Mail-Automatisierung

Das Problem: 12 Stunden/Woche für E-Mails – viel davon für wiederkehrende Anfragen und Nachfassaktionen.

Die Lösung: Mehrstufiges System:

A) Textbausteine für Standard-Antworten

60% aller E-Mails sind Variationen von 20 Standard-Themen. Für jedes Thema: Vorlage mit Platzhaltern.

B) Automatische Nachfass-E-Mails

  • Fehlende Belege → Automatische Erinnerung nach 7 Tagen
  • Unbeantwortete Fragen → Automatische Nachfrage nach 5 Tagen
  • Jahresabschluss fertig → Automatische Info an Mandant

C) Sortierung eingehender E-Mails

KI-gestützte Kategorisierung: Dringend, Standard, Info-only

Implementierung:

  • Textbausteine: TextExpander (50€/Jahr)
  • Automatisierung: Make + Gmail (20€/Monat)
  • Einrichtung: 2 Wochen

Ergebnis:

  • Vorher: 12h/Woche E-Mail
  • Nachher: 6h/Woche
  • Ersparnis: 6 Stunden/Woche

Schritt 3: Terminbuchung digitalisieren

Das Problem: 3 Stunden/Woche für Terminkoordination – Hin und Her mit Mandanten, Terminvorschläge, Absagen, Verschiebungen.

Die Lösung: Online-Terminbuchung mit Calendly.

Wie es funktioniert:

  • Mandant wählt freien Termin aus verfügbaren Slots
  • Automatische Bestätigung per E-Mail
  • Automatische Erinnerung 24h vorher
  • Kalender wird automatisch synchronisiert

Besonderheiten für die Kanzlei:

  • Verschiedene Terminarten (Erstgespräch 60 Min, Rückfrage 15 Min, Jahresgespräch 90 Min)
  • Pufferzeiten zwischen Terminen eingebaut
  • Nur bestimmte Zeiten für externe Termine freigegeben

Implementierung:

  • Tool: Calendly Professional (12€/Monat)
  • Einrichtung: 1 Tag
  • Mandanten-Kommunikation: E-Mail an alle mit Link

Ergebnis:

  • Vorher: 3h/Woche Terminkoordination
  • Nachher: 15 Min/Woche (nur noch Sonderfälle)
  • Ersparnis: 2,75 Stunden/Woche

Schritt 4: Dokumenten-Management optimieren

Das Problem: 3 Stunden/Woche für Ablage und Suche nach Dokumenten. Trotz digitaler Akten: uneinheitliche Benennung, fehlende Verschlagwortung.

Die Lösung: Systematische Dokumenten-Automatisierung:

A) Einheitliche Namenskonvention (automatisch)

Alle Dokumente werden beim Upload automatisch umbenannt:

[Mandantennummer]_[Dokumenttyp]_[Datum]_[Beschreibung]

B) Automatische Verschlagwortung

OCR + KI erkennt Dokumenttyp und fügt Tags hinzu.

C) Schnellsuche

Volltextsuche über alle Dokumente.

Implementierung:

  • Nutzung der vorhandenen DMS-Funktionen (konsequent)
  • Zusätzlich: Make-Workflow für automatische Benennung
  • Einrichtung: 1 Woche

Ergebnis:

  • Vorher: 3h/Woche Ablage und Suche
  • Nachher: 1h/Woche
  • Ersparnis: 2 Stunden/Woche

Schritt 5: Telefon-Management

Das Problem: 8 Stunden/Woche am Telefon – oft für Fragen, die auch per E-Mail gehen würden. Ständige Unterbrechungen der konzentrierten Arbeit.

Die Lösung: Strukturiertes Telefon-Management (keine Automatisierung, sondern Prozessänderung):

A) Feste Telefonzeiten kommunizieren

Montag-Freitag 9-10 Uhr und 14-15 Uhr: Telefonisch erreichbar

Außerhalb: Anrufbeantworter mit Rückruf-Zusage

B) Rückruf-System

Alle anderen Anrufe → Nachricht → Gesammelter Rückruf in der Telefonzeit

C) FAQ-Seite für Mandanten

Die 20 häufigsten Fragen auf der Website beantwortet.

Ergebnis:

  • Vorher: 8h/Woche Telefon (verteilt über den ganzen Tag)
  • Nachher: 4h/Woche (gebündelt)
  • Ersparnis: 4 Stunden/Woche

Bonus: Ungestörte Deep-Work-Phasen = höhere Produktivität in der fachlichen Arbeit.

Die Ergebnisse nach 18 Monaten

Die Zahlen sprechen für sich:

Zeitersparnis im Überblick

| Maßnahme | Vorher | Nachher | Ersparnis |

|----------|--------|---------|-----------|

| Belegmanagement | 7h/Woche | 2h | 5h |

| E-Mail-Kommunikation | 12h/Woche | 6h | 6h |

| Terminkoordination | 3h/Woche | 0,25h | 2,75h |

| Dokumenten-Ablage | 3h/Woche | 1h | 2h |

| Telefonate | 8h/Woche | 4h | 4h |

| Gesamt | 33h/Woche | 13,25h/Woche | 19,75h/Woche |

Neue Wochenarbeitszeit:

  • Fachliche Arbeit: 22h (unverändert, aber konzentrierter)
  • Administrative Tätigkeiten: 13,25h (vorher 33h)
  • Sonstiges: 5h
  • Gesamt: ~40 Stunden statt 60

Finanzielle Auswirkungen

Direkte Kosten der Automatisierung:

  • Software (jährlich): ~1.200€
  • Einmalige Einrichtung: ~3.000€ (externe Hilfe + eigene Zeit)
  • Gesamt Jahr 1: ~4.200€
  • Gesamt ab Jahr 2: ~1.200€/Jahr

Eingesparte Zeit monetarisiert:

  • 20h/Woche × 52 Wochen = 1.040 Stunden/Jahr
  • Stundensatz Steuerberater (intern): ~100€
  • Wert der Zeitersparnis: 104.000€/Jahr

ROI:

  • Jahr 1: (104.000 - 4.200) / 4.200 = 2.376%
  • Ab Jahr 2: (104.000 - 1.200) / 1.200 = 8.567%

Qualitative Verbesserungen

Für Thomas persönlich:

  • Wieder Zeit für Familie (zwei kleine Kinder)
  • Samstage sind frei
  • Weniger Stress, besserer Schlaf
  • Mehr Freude am Beruf

Für die Kanzlei:

  • Schnellere Reaktionszeiten (paradox, aber wahr)
  • Weniger Fehler durch weniger Hektik
  • Mandanten schätzen die digitalen Services
  • 2 neue Mandanten durch Empfehlung ("Die sind so gut organisiert")

Für die Mandanten:

  • 24/7 Zugang zum Portal
  • Schnellere Bearbeitung ihrer Anliegen
  • Bessere Erreichbarkeit (während der Telefonzeiten)
  • Transparenz über Status ihrer Aufträge

Die ehrlichen Herausforderungen

Es war nicht alles einfach. Diese Probleme mussten gelöst werden:

Widerstand im Team

Das Problem: Die langjährige Steuerfachangestellte war skeptisch: "Das haben wir immer so gemacht."

Die Lösung:

  • Einbindung von Anfang an ("Was nervt DICH am meisten?")
  • Kleine Erfolge feiern
  • Zeit zum Gewöhnen geben
  • Vorteile für sie aufzeigen (weniger stupide Arbeit)

Ergebnis: Nach 3 Monaten war sie die größte Befürworterin.

Mandanten-Akzeptanz

Das Problem: Einige ältere Mandanten wollten kein Portal nutzen: "Ich bringe meine Belege lieber persönlich."

Die Lösung:

  • Nicht zwingen, sondern werben (Vorteile zeigen)
  • Alternative für Ausnahmen beibehalten (Briefkasten-Einwurf)
  • Hilfe beim ersten Login anbieten
  • Geduld haben

Ergebnis: Nach 6 Monaten nutzen 85% der Mandanten das Portal. Die restlichen 15% werden weiterhin analog betreut – das ist OK.

Technische Probleme

Das Problem: Automatisierungen fielen gelegentlich aus (API-Änderungen, Serverprobleme).

Die Lösung:

  • Monitoring einrichten (Benachrichtigung bei Fehler)
  • Backup-Prozesse definieren
  • Wichtige Automatisierungen doppelt prüfen

Ergebnis: Nach der Lernphase: <1 Vorfall pro Monat, schnell behoben.

Die Versuchung zu übertreiben

Das Problem: Nach den ersten Erfolgen: "Lass uns ALLES automatisieren!"

Die Lösung:

  • Fokus auf ROI: Nur automatisieren, was sich wirklich lohnt
  • Bewusst menschliche Touchpoints beibehalten
  • Neue Projekte priorisieren nach Aufwand/Nutzen

Ergebnis: 2 geplante Automatisierungen wurden bewusst nicht umgesetzt, weil der ROI zu gering war.

Was Thomas heute anders machen würde

Rückblickend gibt es drei Dinge, die er anders angehen würde:

1. Früher anfangen

"Ich habe 3 Jahre gewartet, weil ich dachte, ich hätte keine Zeit für die Umstellung. Das war ein Denkfehler – ich hatte keine Zeit, weil ich nicht automatisiert habe."

2. Mehr in Schulung investieren

"Die Tools einzurichten war einfach. Das Team mitzunehmen war der eigentliche Aufwand. Mehr Zeit für Training hätte die Adoption beschleunigt."

3. Kleiner anfangen

"Wir haben anfangs zu viel gleichzeitig gewollt. Besser: Ein Projekt nach dem anderen, richtig durchziehen, dann das nächste."

Die verwendeten Tools im Überblick

Für alle, die es nachbauen wollen:

| Funktion | Tool | Kosten/Monat |

|----------|------|--------------|

| Mandantenportal | DATEV Unternehmen online | (Teil des DATEV-Pakets) |

| E-Mail-Automatisierung | Make | 20€ |

| Textbausteine | TextExpander | 4€ |

| Terminbuchung | Calendly | 12€ |

| Dokumenten-Automatisierung | Make (gleiche Instanz) | - |

| Gesamt | | ~36€/Monat |

*Hinweis: Viele Kanzlei-Software-Anbieter (DATEV, Agenda, Addison) haben ähnliche Portal-Lösungen. Die Grundprinzipien sind übertragbar.*

Fazit

Thomas' Geschichte ist keine Ausnahme – sie ist ein Modell, das sich auf praktisch jede Steuerkanzlei übertragen lässt.

Die Kernbotschaft:

Von 60 auf 40 Stunden ist möglich. Nicht durch Zauberei, sondern durch systematische Analyse und gezielte Automatisierung der richtigen Prozesse.

Die wichtigsten Erfolgsfaktoren:

  1. Ehrliche Analyse: Wo geht die Zeit wirklich hin?
  2. Priorisierung: Die größten Zeitfresser zuerst
  3. Iteratives Vorgehen: Ein Projekt nach dem anderen
  4. Team mitnehmen: Automatisierung ist Teamsache
  5. Geduld: Transformation braucht Zeit

Die Rechnung ist einfach:

  • 20 Stunden/Woche × 52 Wochen = 1.040 Stunden/Jahr
  • Bei 200€/Stunde Mandantenpreis = 208.000€ potenzielle Kapazität
  • Oder: 1.040 Stunden mehr Leben.

Was würden Sie mit 20 zusätzlichen Stunden pro Woche anfangen?

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