"Wo sollen wir anfangen?" – Die häufigste Frage bei Automatisierungsprojekten.
Die Antwort liegt in einem strukturierten Audit: Eine systematische Analyse Ihrer Prozesse, die zeigt, wo Automatisierung den größten Hebel hat.
Dieser Artikel führt Sie durch einen kompletten Audit-Prozess, den Sie selbst durchführen können – ohne externe Berater. Am Ende wissen Sie genau, welche Prozesse Sie automatisieren sollten und in welcher Reihenfolge.
Planen Sie für das vollständige Audit 4-8 Stunden ein, verteilt auf eine Woche.
Phase 1: Prozesse erfassen (2 Stunden)
Bevor Sie bewerten können, müssen Sie wissen, was es gibt.
Schritt 1: Brainstorming-Liste erstellen
Sammeln Sie ALLE wiederkehrenden Tätigkeiten in Ihrem Unternehmen. Noch nicht filtern, nur sammeln.
Fragen zur Inspiration:
*Kundenkontakt:*
- Wie kommen Anfragen rein?
- Wie werden Angebote erstellt?
- Wie läuft die Auftragsbestätigung?
- Wie werden Termine koordiniert?
- Wie erfolgt die Nachbetreuung?
*Finanzen:*
- Wie werden Rechnungen erstellt?
- Wie werden Zahlungen verfolgt?
- Wie läuft das Mahnwesen?
- Wie werden Belege erfasst?
- Wie wird berichtet?
*Intern:*
- Wie werden Aufgaben verteilt?
- Wie wird kommuniziert?
- Wie werden Dokumente abgelegt?
- Wie werden Zeiten erfasst?
- Wie läuft das Onboarding?
*Marketing:*
- Wie werden Leads generiert?
- Wie werden Newsletter versendet?
- Wie werden Social Media gepflegt?
- Wie werden Bewertungen gesammelt?
Ziel: Eine Liste mit 20-50 Prozessen, je nach Unternehmensgröße.
Schritt 2: Prozesse strukturieren
Ordnen Sie die gesammelten Prozesse in Kategorien:
| Kategorie | Typische Prozesse |
|-----------|-------------------|
| Vertrieb | Anfragen, Angebote, Follow-ups |
| Kundenservice | Support, Reklamationen, FAQ |
| Finanzen | Rechnungen, Mahnungen, Buchhaltung |
| Personal | Onboarding, Urlaub, Zeiterfassung |
| Marketing | Newsletter, Social Media, Bewertungen |
| Operations | Bestellungen, Lager, Lieferung |
| Administration | Dokumente, Termine, Kommunikation |
Tragen Sie jeden Prozess in die passende Kategorie ein.
Schritt 3: Beteiligte identifizieren
Für jeden Prozess notieren:
- Wer führt ihn aus? (Person/Rolle)
- Wer ist betroffen? (Kunde, Kollege, Lieferant)
- Wer ist verantwortlich? (Entscheider)
Diese Information ist später wichtig für:
- Zeit-Schätzungen (wessen Zeit?)
- Change-Management (wen einbinden?)
- Priorisierung (wer profitiert am meisten?)
Phase 2: Prozesse dokumentieren (2 Stunden)
Jetzt geht es in die Tiefe – für die Top-20-Prozesse.
Schritt 4: Prozess-Steckbrief erstellen
Für jeden der wichtigsten 20 Prozesse, füllen Sie diesen Steckbrief aus:
---
PROZESS-STECKBRIEF
Name: _______________________
Beschreibung (1-2 Sätze):
_________________________________
Trigger (Was löst den Prozess aus?):
[ ] Kundenanfrage
[ ] Zeitpunkt (täglich/wöchentlich/monatlich)
[ ] Internes Ereignis
[ ] Anderer Prozess
[ ] Sonstiges: _______
Häufigkeit:
___ mal pro Tag / Woche / Monat
Dauer pro Durchlauf:
___ Minuten/Stunden
Beteiligte Systeme:
[ ] CRM
[ ] Buchhaltung
[ ] Kalender
[ ] Telefon
[ ] Papier
[ ] Sonstiges: _______
Aktueller Zustand:
[ ] Komplett manuell
[ ] Teilweise digital
[ ] Teilweise automatisiert
[ ] Komplett automatisiert
---
Schritt 5: Prozessschritte aufschreiben
Für die Top-10-Prozesse: Schreiben Sie jeden einzelnen Schritt auf.
Beispiel: Angebotserstellung
- E-Mail mit Anfrage kommt rein
- Anfrage lesen und verstehen
- Kundendaten prüfen (Bestandskunde?)
- Leistungsumfang ermitteln
- Kalkulation erstellen
- Angebot in Word/Excel schreiben
- PDF erstellen
- E-Mail mit Angebot schreiben
- Angebot versenden
- Im CRM als "Angebot gesendet" markieren
- Wiedervorlage für Follow-up setzen
Tipp: Gehen Sie den Prozess gedanklich durch oder – noch besser – führen Sie ihn einmal aus und notieren Sie dabei.
Schritt 6: Schmerzen identifizieren
Für jeden dokumentierten Prozess: Wo tut es weh?
Typische Schmerzen:
| Symptom | Beschreibung |
|---------|--------------|
| Zeitverschwendung | "Das dauert ewig" |
| Wiederholung | "Ich mache das jeden Tag gleich" |
| Fehleranfällig | "Hier passieren oft Fehler" |
| Medienbruch | "Ich muss das von System A in System B übertragen" |
| Wartezeit | "Ich warte immer auf X" |
| Suchzeit | "Ich finde das nie sofort" |
| Nervfaktor | "Das hasst jeder im Team" |
Notieren Sie für jeden Prozess die 1-3 größten Schmerzen.
Phase 3: Prozesse bewerten (2 Stunden)
Jetzt wird es analytisch: Welche Prozesse lohnen sich am meisten?
Schritt 7: Zeitaufwand ermitteln
Für jeden Prozess berechnen:
Formel:
Zeitaufwand = Dauer pro Durchlauf × Häufigkeit × Beteiligte Personen
Beispiel:
- Angebotserstellung: 90 Min/Angebot
- 15 Angebote/Woche
- 1 Person beteiligt
- Zeitaufwand: 22,5 Stunden/Woche
Umrechnung in Kosten:
Zeitaufwand × durchschnittlicher Stundensatz = Kosten
Beispiel:
22,5h × 60€/h = 1.350€/Woche = 70.200€/Jahr
Tragen Sie für jeden Prozess ein:
| Prozess | Zeit/Woche | Kosten/Jahr |
|---------|------------|-------------|
Schritt 8: Automatisierungspotenzial bewerten
Nicht jeder Prozess lässt sich automatisieren. Bewerten Sie jedes Potenzial:
Automatisierungs-Score (1-5):
5 = Ideal für Automatisierung
- Klare Regeln, wenige Ausnahmen
- Daten liegen digital vor
- Keine komplexen Entscheidungen
- Hohes Volumen
4 = Gut automatisierbar
- Meist regelbasiert
- Einige Ausnahmen (aber definierbar)
- Hauptsächlich digitale Daten
3 = Teilweise automatisierbar
- Mix aus Regel und Urteilsvermögen
- Einige manuelle Schritte bleiben
- Medienbrüche vorhanden
2 = Schwer automatisierbar
- Viel menschliches Urteil nötig
- Viele Ausnahmen
- Daten schlecht strukturiert
1 = Kaum automatisierbar
- Erfordert Kreativität/Empathie
- Jeder Fall anders
- Physische Tätigkeit
Bewerten Sie jeden Prozess mit 1-5.
Schritt 9: Priorisierungsmatrix erstellen
Kombinieren Sie die Bewertungen:
Priorität = Zeitaufwand × Automatisierungspotenzial × Kritikalität
Kritikalität (1-3):
- 1 = Unkritisch (Fehler leicht korrigierbar)
- 2 = Wichtig (Fehler ärgerlich)
- 3 = Kritisch (Fehler teuer/kundenrelevant)
Bewertungstabelle:
| Prozess | Zeit (h/Woche) | Auto-Score (1-5) | Kritik (1-3) | Priorität |
|---------|----------------|------------------|--------------|-----------|
| Angebot | 22,5 | 4 | 3 | 270 |
| Termin | 3 | 5 | 2 | 30 |
| ... | | | | |
Sortieren nach Priorität: Höchste Zahl = Höchste Priorität für Automatisierung.
Phase 4: Maßnahmen ableiten (2 Stunden)
Aus der Analyse werden konkrete Handlungsempfehlungen.
Schritt 10: Quick Wins identifizieren
Quick Wins sind Prozesse mit:
- Hohem Automatisierungspotenzial (4-5)
- Niedrigem Implementierungsaufwand
- Sofortigem Nutzen
Typische Quick Wins:
- Terminbestätigungen automatisieren
- E-Mail-Vorlagen mit Textbausteinen
- Automatische Benachrichtigungen
- Einfache Formular-zu-Datenbank-Workflows
Faustregel: Quick Wins sollten in 1-2 Tagen umsetzbar sein und mindestens 2 Stunden/Woche sparen.
Listen Sie Ihre Top-3 Quick Wins auf:
- _______________________
- _______________________
- _______________________
Schritt 11: Kernprojekte definieren
Kernprojekte sind die großen Hebel – mehr Aufwand, aber auch mehr Nutzen.
Kriterien für Kernprojekte:
- Hohe Zeitersparnis (>5h/Woche)
- Strategische Bedeutung
- Bereichsübergreifende Wirkung
Für jedes Kernprojekt definieren:
Projekt: ___________________
Ziel: Was soll am Ende automatisiert sein?
_________________________________
Scope: Was gehört dazu, was nicht?
_________________________________
Abhängigkeiten: Welche Systeme/Personen sind betroffen?
_________________________________
Geschätzte Ressourcen:
- Zeit: ___ Stunden
- Kosten: ___ €
- Personen: ___
Erwarteter Nutzen:
- Zeitersparnis: ___ h/Woche
- Kosteneinsparung: ___ €/Jahr
- Qualitätsverbesserung: ___
Listen Sie Ihre Top-3 Kernprojekte:
- _______________________
- _______________________
- _______________________
Schritt 12: Roadmap erstellen
Bringen Sie alles in eine zeitliche Reihenfolge:
Monat 1-2: Quick Wins
- Quick Win 1: [Beschreibung]
- Quick Win 2: [Beschreibung]
- Quick Win 3: [Beschreibung]
Monat 3-4: Kernprojekt 1
- [Projektbeschreibung]
- Meilensteine: [...]
Monat 5-6: Kernprojekt 2
- [Projektbeschreibung]
- Meilensteine: [...]
Monat 7+: Weitere Projekte
- [Liste priorisiert nach Prioritätsscore]
Wichtig:
- Nie mehr als 1 Kernprojekt gleichzeitig
- Quick Wins können parallel laufen
- Puffer einplanen (×1,5 der geschätzten Zeit)
Die Audit-Checkliste
Hier die vollständige Checkliste zum Abhaken:
Phase 1: Erfassen
- [ ] Brainstorming aller Prozesse durchgeführt
- [ ] Prozesse in Kategorien sortiert
- [ ] Beteiligte für jeden Prozess identifiziert
Phase 2: Dokumentieren
- [ ] Steckbrief für Top-20-Prozesse erstellt
- [ ] Prozessschritte für Top-10 aufgeschrieben
- [ ] Schmerzen für jeden Prozess identifiziert
Phase 3: Bewerten
- [ ] Zeitaufwand für jeden Prozess berechnet
- [ ] Automatisierungspotenzial bewertet (1-5)
- [ ] Prioritäts-Matrix erstellt und sortiert
Phase 4: Maßnahmen
- [ ] 3 Quick Wins identifiziert
- [ ] 3 Kernprojekte definiert
- [ ] Roadmap für 6 Monate erstellt
Zusätzlich:
- [ ] Ergebnisse mit Team geteilt
- [ ] Feedback eingeholt
- [ ] Erste Quick Win gestartet
Fragebogen für Abteilungen
Wenn Sie Mitarbeiter einbeziehen wollen, nutzen Sie diese Fragen:
Allgemeine Fragen (für alle)
- Welche Aufgabe machst du am häufigsten?
- Welche Aufgabe nervt dich am meisten?
- Wo verbringst du Zeit mit Warten?
- Wo passieren häufig Fehler?
- Welche Information musst du oft suchen?
- Welche Aufgabe würdest du sofort abgeben, wenn du könntest?
- Wo tippst du die gleichen Daten mehrfach ein?
- Welche E-Mails schreibst du immer wieder ähnlich?
Für Vertrieb/Kundenservice
- Wie viele Anfragen bearbeitest du pro Tag?
- Wie lange dauert eine typische Angebotsstellung?
- Wie oft musst du Informationen nachfragen?
- Wie trackst du Follow-ups?
- Welche Fragen stellen Kunden immer wieder?
Für Buchhaltung/Finanzen
- Wie viele Rechnungen erstellst du pro Monat?
- Wie lange dauert eine Rechnung von Beginn bis Versand?
- Wie oft mahnen Kunden? Wie trackst du das?
- Wie erfasst du Belege?
- Welche Reports erstellst du regelmäßig?
Für Administration
- Wie koordinierst du Termine?
- Wie verwaltest du Dokumente?
- Wie läuft die interne Kommunikation?
- Welche wiederkehrenden Aufgaben hast du?
- Wo gibt es Medienbrüche (Papier ↔ Digital)?
Typische Ergebnisse eines Audits
Was Sie erwarten können:
Bei einem typischen KMU (10-50 Mitarbeiter):
- 30-50 identifizierte Prozesse
- 5-10 Quick Wins (jeweils 1-3h/Woche Ersparnis)
- 2-4 Kernprojekte (jeweils 5-15h/Woche Ersparnis)
- Gesamtpotenzial: 30-60% der administrativen Zeit
ROI eines guten Audits:
- Audit-Aufwand: 8-16 Stunden
- Potenzielle Ersparnis bei Umsetzung: 20-40 Stunden/Woche
- Amortisation des Audits: 1-2 Wochen
Der häufigste Aha-Moment:
"Wir wussten nicht, dass so viel Zeit in X geht."
Prozesse, die im Alltag selbstverständlich sind, fallen erst auf, wenn man sie bewusst analysiert.
Nach dem Audit: Die nächsten Schritte
Ein Audit ist wertlos ohne Umsetzung. So geht es weiter:
Woche 1 nach dem Audit:
- Ergebnisse präsentieren (Team, Geschäftsführung)
- Quick Win #1 starten
- Kernprojekt #1 detailliert planen
Monat 1:
- Quick Wins 1-3 umsetzen
- Kernprojekt #1 beginnen
- Erste Erfolge messen und kommunizieren
Quartal 1:
- Kernprojekt #1 abschließen
- Kernprojekt #2 beginnen
- Audit-Ergebnisse reviewen (was hat sich geändert?)
Jährlich:
- Audit wiederholen
- Neue Prozesse bewerten
- Erfolge der Automatisierungen messen
Fazit
Ein Automatisierungs-Audit ist der Unterschied zwischen "wir probieren mal was" und "wir investieren gezielt in die richtigen Stellen".
Was Sie mit diesem Audit erreichen:
- Klarheit über Ihre Prozesse (oft zum ersten Mal)
- Objektive Grundlage für Investitionsentscheidungen
- Eine priorisierte Roadmap für die nächsten 6-12 Monate
- Einbindung des Teams von Anfang an
Der wichtigste Tipp:
Perfektionismus vermeiden. Ein 80%-Audit, der umgesetzt wird, ist besser als ein 100%-Audit, der in der Schublade landet.
Ihr nächster Schritt:
Blocken Sie 2 Stunden in Ihrem Kalender für Phase 1. Nur Phase 1. Der Rest folgt.
Die beste Zeit für ein Audit war vor einem Jahr. Die zweitbeste Zeit ist jetzt.