ROI & Methodik

Automatisierungs-Audit: So analysieren Sie Ihre Prozesse selbst

Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Selbstanalyse Ihrer Geschäftsprozesse. Mit Checklisten, Bewertungsmatrix und konkreten Fragen für jede Abteilung.

15 Min. Lesezeit·Aktualisiert: 29.1.2025

"Wo sollen wir anfangen?" – Die häufigste Frage bei Automatisierungsprojekten.

Die Antwort liegt in einem strukturierten Audit: Eine systematische Analyse Ihrer Prozesse, die zeigt, wo Automatisierung den größten Hebel hat.

Dieser Artikel führt Sie durch einen kompletten Audit-Prozess, den Sie selbst durchführen können – ohne externe Berater. Am Ende wissen Sie genau, welche Prozesse Sie automatisieren sollten und in welcher Reihenfolge.

Planen Sie für das vollständige Audit 4-8 Stunden ein, verteilt auf eine Woche.

Phase 1: Prozesse erfassen (2 Stunden)

Bevor Sie bewerten können, müssen Sie wissen, was es gibt.

Schritt 1: Brainstorming-Liste erstellen

Sammeln Sie ALLE wiederkehrenden Tätigkeiten in Ihrem Unternehmen. Noch nicht filtern, nur sammeln.

Fragen zur Inspiration:

*Kundenkontakt:*

  • Wie kommen Anfragen rein?
  • Wie werden Angebote erstellt?
  • Wie läuft die Auftragsbestätigung?
  • Wie werden Termine koordiniert?
  • Wie erfolgt die Nachbetreuung?

*Finanzen:*

  • Wie werden Rechnungen erstellt?
  • Wie werden Zahlungen verfolgt?
  • Wie läuft das Mahnwesen?
  • Wie werden Belege erfasst?
  • Wie wird berichtet?

*Intern:*

  • Wie werden Aufgaben verteilt?
  • Wie wird kommuniziert?
  • Wie werden Dokumente abgelegt?
  • Wie werden Zeiten erfasst?
  • Wie läuft das Onboarding?

*Marketing:*

  • Wie werden Leads generiert?
  • Wie werden Newsletter versendet?
  • Wie werden Social Media gepflegt?
  • Wie werden Bewertungen gesammelt?

Ziel: Eine Liste mit 20-50 Prozessen, je nach Unternehmensgröße.

Schritt 2: Prozesse strukturieren

Ordnen Sie die gesammelten Prozesse in Kategorien:

| Kategorie | Typische Prozesse |

|-----------|-------------------|

| Vertrieb | Anfragen, Angebote, Follow-ups |

| Kundenservice | Support, Reklamationen, FAQ |

| Finanzen | Rechnungen, Mahnungen, Buchhaltung |

| Personal | Onboarding, Urlaub, Zeiterfassung |

| Marketing | Newsletter, Social Media, Bewertungen |

| Operations | Bestellungen, Lager, Lieferung |

| Administration | Dokumente, Termine, Kommunikation |

Tragen Sie jeden Prozess in die passende Kategorie ein.

Schritt 3: Beteiligte identifizieren

Für jeden Prozess notieren:

  • Wer führt ihn aus? (Person/Rolle)
  • Wer ist betroffen? (Kunde, Kollege, Lieferant)
  • Wer ist verantwortlich? (Entscheider)

Diese Information ist später wichtig für:

  • Zeit-Schätzungen (wessen Zeit?)
  • Change-Management (wen einbinden?)
  • Priorisierung (wer profitiert am meisten?)

Phase 2: Prozesse dokumentieren (2 Stunden)

Jetzt geht es in die Tiefe – für die Top-20-Prozesse.

Schritt 4: Prozess-Steckbrief erstellen

Für jeden der wichtigsten 20 Prozesse, füllen Sie diesen Steckbrief aus:

---

PROZESS-STECKBRIEF

Name: _______________________

Beschreibung (1-2 Sätze):

_________________________________

Trigger (Was löst den Prozess aus?):

[ ] Kundenanfrage

[ ] Zeitpunkt (täglich/wöchentlich/monatlich)

[ ] Internes Ereignis

[ ] Anderer Prozess

[ ] Sonstiges: _______

Häufigkeit:

___ mal pro Tag / Woche / Monat

Dauer pro Durchlauf:

___ Minuten/Stunden

Beteiligte Systeme:

[ ] E-Mail

[ ] CRM

[ ] Buchhaltung

[ ] Kalender

[ ] Telefon

[ ] Papier

[ ] Sonstiges: _______

Aktueller Zustand:

[ ] Komplett manuell

[ ] Teilweise digital

[ ] Teilweise automatisiert

[ ] Komplett automatisiert

---

Schritt 5: Prozessschritte aufschreiben

Für die Top-10-Prozesse: Schreiben Sie jeden einzelnen Schritt auf.

Beispiel: Angebotserstellung

  1. E-Mail mit Anfrage kommt rein
  2. Anfrage lesen und verstehen
  3. Kundendaten prüfen (Bestandskunde?)
  4. Leistungsumfang ermitteln
  5. Kalkulation erstellen
  6. Angebot in Word/Excel schreiben
  7. PDF erstellen
  8. E-Mail mit Angebot schreiben
  9. Angebot versenden
  10. Im CRM als "Angebot gesendet" markieren
  11. Wiedervorlage für Follow-up setzen

Tipp: Gehen Sie den Prozess gedanklich durch oder – noch besser – führen Sie ihn einmal aus und notieren Sie dabei.

Schritt 6: Schmerzen identifizieren

Für jeden dokumentierten Prozess: Wo tut es weh?

Typische Schmerzen:

| Symptom | Beschreibung |

|---------|--------------|

| Zeitverschwendung | "Das dauert ewig" |

| Wiederholung | "Ich mache das jeden Tag gleich" |

| Fehleranfällig | "Hier passieren oft Fehler" |

| Medienbruch | "Ich muss das von System A in System B übertragen" |

| Wartezeit | "Ich warte immer auf X" |

| Suchzeit | "Ich finde das nie sofort" |

| Nervfaktor | "Das hasst jeder im Team" |

Notieren Sie für jeden Prozess die 1-3 größten Schmerzen.

Phase 3: Prozesse bewerten (2 Stunden)

Jetzt wird es analytisch: Welche Prozesse lohnen sich am meisten?

Schritt 7: Zeitaufwand ermitteln

Für jeden Prozess berechnen:

Formel:

Zeitaufwand = Dauer pro Durchlauf × Häufigkeit × Beteiligte Personen

Beispiel:

  • Angebotserstellung: 90 Min/Angebot
  • 15 Angebote/Woche
  • 1 Person beteiligt
  • Zeitaufwand: 22,5 Stunden/Woche

Umrechnung in Kosten:

Zeitaufwand × durchschnittlicher Stundensatz = Kosten

Beispiel:

22,5h × 60€/h = 1.350€/Woche = 70.200€/Jahr

Tragen Sie für jeden Prozess ein:

| Prozess | Zeit/Woche | Kosten/Jahr |

|---------|------------|-------------|

Schritt 8: Automatisierungspotenzial bewerten

Nicht jeder Prozess lässt sich automatisieren. Bewerten Sie jedes Potenzial:

Automatisierungs-Score (1-5):

5 = Ideal für Automatisierung

  • Klare Regeln, wenige Ausnahmen
  • Daten liegen digital vor
  • Keine komplexen Entscheidungen
  • Hohes Volumen

4 = Gut automatisierbar

  • Meist regelbasiert
  • Einige Ausnahmen (aber definierbar)
  • Hauptsächlich digitale Daten

3 = Teilweise automatisierbar

  • Mix aus Regel und Urteilsvermögen
  • Einige manuelle Schritte bleiben
  • Medienbrüche vorhanden

2 = Schwer automatisierbar

  • Viel menschliches Urteil nötig
  • Viele Ausnahmen
  • Daten schlecht strukturiert

1 = Kaum automatisierbar

  • Erfordert Kreativität/Empathie
  • Jeder Fall anders
  • Physische Tätigkeit

Bewerten Sie jeden Prozess mit 1-5.

Schritt 9: Priorisierungsmatrix erstellen

Kombinieren Sie die Bewertungen:

Priorität = Zeitaufwand × Automatisierungspotenzial × Kritikalität

Kritikalität (1-3):

  • 1 = Unkritisch (Fehler leicht korrigierbar)
  • 2 = Wichtig (Fehler ärgerlich)
  • 3 = Kritisch (Fehler teuer/kundenrelevant)

Bewertungstabelle:

| Prozess | Zeit (h/Woche) | Auto-Score (1-5) | Kritik (1-3) | Priorität |

|---------|----------------|------------------|--------------|-----------|

| Angebot | 22,5 | 4 | 3 | 270 |

| Termin | 3 | 5 | 2 | 30 |

| ... | | | | |

Sortieren nach Priorität: Höchste Zahl = Höchste Priorität für Automatisierung.

Phase 4: Maßnahmen ableiten (2 Stunden)

Aus der Analyse werden konkrete Handlungsempfehlungen.

Schritt 10: Quick Wins identifizieren

Quick Wins sind Prozesse mit:

  • Hohem Automatisierungspotenzial (4-5)
  • Niedrigem Implementierungsaufwand
  • Sofortigem Nutzen

Typische Quick Wins:

  • Terminbestätigungen automatisieren
  • E-Mail-Vorlagen mit Textbausteinen
  • Automatische Benachrichtigungen
  • Einfache Formular-zu-Datenbank-Workflows

Faustregel: Quick Wins sollten in 1-2 Tagen umsetzbar sein und mindestens 2 Stunden/Woche sparen.

Listen Sie Ihre Top-3 Quick Wins auf:

  1. _______________________
  2. _______________________
  3. _______________________

Schritt 11: Kernprojekte definieren

Kernprojekte sind die großen Hebel – mehr Aufwand, aber auch mehr Nutzen.

Kriterien für Kernprojekte:

  • Hohe Zeitersparnis (>5h/Woche)
  • Strategische Bedeutung
  • Bereichsübergreifende Wirkung

Für jedes Kernprojekt definieren:

Projekt: ___________________

Ziel: Was soll am Ende automatisiert sein?

_________________________________

Scope: Was gehört dazu, was nicht?

_________________________________

Abhängigkeiten: Welche Systeme/Personen sind betroffen?

_________________________________

Geschätzte Ressourcen:

  • Zeit: ___ Stunden
  • Kosten: ___ €
  • Personen: ___

Erwarteter Nutzen:

  • Zeitersparnis: ___ h/Woche
  • Kosteneinsparung: ___ €/Jahr
  • Qualitätsverbesserung: ___

Listen Sie Ihre Top-3 Kernprojekte:

  1. _______________________
  2. _______________________
  3. _______________________

Schritt 12: Roadmap erstellen

Bringen Sie alles in eine zeitliche Reihenfolge:

Monat 1-2: Quick Wins

  • Quick Win 1: [Beschreibung]
  • Quick Win 2: [Beschreibung]
  • Quick Win 3: [Beschreibung]

Monat 3-4: Kernprojekt 1

  • [Projektbeschreibung]
  • Meilensteine: [...]

Monat 5-6: Kernprojekt 2

  • [Projektbeschreibung]
  • Meilensteine: [...]

Monat 7+: Weitere Projekte

  • [Liste priorisiert nach Prioritätsscore]

Wichtig:

  • Nie mehr als 1 Kernprojekt gleichzeitig
  • Quick Wins können parallel laufen
  • Puffer einplanen (×1,5 der geschätzten Zeit)

Die Audit-Checkliste

Hier die vollständige Checkliste zum Abhaken:

Phase 1: Erfassen

  • [ ] Brainstorming aller Prozesse durchgeführt
  • [ ] Prozesse in Kategorien sortiert
  • [ ] Beteiligte für jeden Prozess identifiziert

Phase 2: Dokumentieren

  • [ ] Steckbrief für Top-20-Prozesse erstellt
  • [ ] Prozessschritte für Top-10 aufgeschrieben
  • [ ] Schmerzen für jeden Prozess identifiziert

Phase 3: Bewerten

  • [ ] Zeitaufwand für jeden Prozess berechnet
  • [ ] Automatisierungspotenzial bewertet (1-5)
  • [ ] Prioritäts-Matrix erstellt und sortiert

Phase 4: Maßnahmen

  • [ ] 3 Quick Wins identifiziert
  • [ ] 3 Kernprojekte definiert
  • [ ] Roadmap für 6 Monate erstellt

Zusätzlich:

  • [ ] Ergebnisse mit Team geteilt
  • [ ] Feedback eingeholt
  • [ ] Erste Quick Win gestartet

Fragebogen für Abteilungen

Wenn Sie Mitarbeiter einbeziehen wollen, nutzen Sie diese Fragen:

Allgemeine Fragen (für alle)

  1. Welche Aufgabe machst du am häufigsten?
  2. Welche Aufgabe nervt dich am meisten?
  3. Wo verbringst du Zeit mit Warten?
  4. Wo passieren häufig Fehler?
  5. Welche Information musst du oft suchen?
  6. Welche Aufgabe würdest du sofort abgeben, wenn du könntest?
  7. Wo tippst du die gleichen Daten mehrfach ein?
  8. Welche E-Mails schreibst du immer wieder ähnlich?

Für Vertrieb/Kundenservice

  • Wie viele Anfragen bearbeitest du pro Tag?
  • Wie lange dauert eine typische Angebotsstellung?
  • Wie oft musst du Informationen nachfragen?
  • Wie trackst du Follow-ups?
  • Welche Fragen stellen Kunden immer wieder?

Für Buchhaltung/Finanzen

  • Wie viele Rechnungen erstellst du pro Monat?
  • Wie lange dauert eine Rechnung von Beginn bis Versand?
  • Wie oft mahnen Kunden? Wie trackst du das?
  • Wie erfasst du Belege?
  • Welche Reports erstellst du regelmäßig?

Für Administration

  • Wie koordinierst du Termine?
  • Wie verwaltest du Dokumente?
  • Wie läuft die interne Kommunikation?
  • Welche wiederkehrenden Aufgaben hast du?
  • Wo gibt es Medienbrüche (Papier ↔ Digital)?

Typische Ergebnisse eines Audits

Was Sie erwarten können:

Bei einem typischen KMU (10-50 Mitarbeiter):

  • 30-50 identifizierte Prozesse
  • 5-10 Quick Wins (jeweils 1-3h/Woche Ersparnis)
  • 2-4 Kernprojekte (jeweils 5-15h/Woche Ersparnis)
  • Gesamtpotenzial: 30-60% der administrativen Zeit

ROI eines guten Audits:

  • Audit-Aufwand: 8-16 Stunden
  • Potenzielle Ersparnis bei Umsetzung: 20-40 Stunden/Woche
  • Amortisation des Audits: 1-2 Wochen

Der häufigste Aha-Moment:

"Wir wussten nicht, dass so viel Zeit in X geht."

Prozesse, die im Alltag selbstverständlich sind, fallen erst auf, wenn man sie bewusst analysiert.

Nach dem Audit: Die nächsten Schritte

Ein Audit ist wertlos ohne Umsetzung. So geht es weiter:

Woche 1 nach dem Audit:

  • Ergebnisse präsentieren (Team, Geschäftsführung)
  • Quick Win #1 starten
  • Kernprojekt #1 detailliert planen

Monat 1:

  • Quick Wins 1-3 umsetzen
  • Kernprojekt #1 beginnen
  • Erste Erfolge messen und kommunizieren

Quartal 1:

  • Kernprojekt #1 abschließen
  • Kernprojekt #2 beginnen
  • Audit-Ergebnisse reviewen (was hat sich geändert?)

Jährlich:

  • Audit wiederholen
  • Neue Prozesse bewerten
  • Erfolge der Automatisierungen messen

Fazit

Ein Automatisierungs-Audit ist der Unterschied zwischen "wir probieren mal was" und "wir investieren gezielt in die richtigen Stellen".

Was Sie mit diesem Audit erreichen:

  • Klarheit über Ihre Prozesse (oft zum ersten Mal)
  • Objektive Grundlage für Investitionsentscheidungen
  • Eine priorisierte Roadmap für die nächsten 6-12 Monate
  • Einbindung des Teams von Anfang an

Der wichtigste Tipp:

Perfektionismus vermeiden. Ein 80%-Audit, der umgesetzt wird, ist besser als ein 100%-Audit, der in der Schublade landet.

Ihr nächster Schritt:

Blocken Sie 2 Stunden in Ihrem Kalender für Phase 1. Nur Phase 1. Der Rest folgt.

Die beste Zeit für ein Audit war vor einem Jahr. Die zweitbeste Zeit ist jetzt.

Weiterführende Inhalte

Bereit für den nächsten Schritt?

In einem kostenlosen 30-minütigen Assessment identifizieren wir die größten Potenziale in Ihren Prozessen.

Kostenloses Assessment anfordern